„AUSSICHT“
„Was möchte ich sehen, wenn ich im Krankenhaus liege? Was würde mich motivieren, welche Motive, Farben möchte ich an den sonst leeren Wänden des Hospitals sehen, wenn ich hier meine Zeit zubringe?“. Ausgehend von diesen Fragestellungen konzipierte die Wiener Künstlerin Lisa Winger vier großformatige Werke, die die vier Jahreszeiten symbolisieren und speziell für die Räumlichkeiten des Radiologie-Institutes kreiert wurden. Diese Arbeiten fungieren als Fenster nach Draußen, sie bieten dem Patienten eine Aussicht in zweierlei Form: Zum einen wird der Blick auf die natürlichen Farben der jeweiligen Saison im Gebäude herinnen ermöglicht, zum anderen erhält der Patient die Aussicht auf eine positiv orientierte Zukunft, da hier der Gedanke „Kunst als Medizin“ verwirklicht wird.
Lisa Winger, geboren 1951 in Wien, absolvierte 1978 ihr Studium der Freien Grafik und Druckgrafik an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. 1983 zog die Künstlerin mit ihrer Familie aufs Land, in den Süden Niederösterreichs. Im Vergleich zum bisherigen Stadtleben kommt es durch die ungewohnte Isolation zu einer Lebenskrise, aus der sie sich 1989 mit Malerei zu befreien sucht.
Die ersten großformatigen Acryl-Bilder entstehen. Symbole aus diversen Bereichen wie Yin und Yang, I Ging oder Labyrinthe gehören zur immer wiederkehrenden Motivwelt der Künstlerin. Doch nicht nur Symbolik zieht Wingers Aufmerksamkeit auf sich, sondern auch die kleinen, nicht perfekten, scheinbar unbedeutenden Dinge des Alltags erregen ihr Interesse. Auf Spaziergängen sammelt sie in ihrem Gedächtnis oder mit Hilfe eines Fotoapparates von der Natur oder von der Zeit geschaffene Kunstwerke, ungewöhnliche Regelmäßigkeiten oder geometrische Muster. Diese Erinnerungen an zum Beispiel verwittertes Metall, alte Bäume, Rost, zerfressene Rinden oder Stofffalten werden mit ins Atelier genommen, um dort eine Entfremdung bzw. neue Gestaltung zu erfahren. Das Bildnis Aqua:e:luce ist ein gutes Beispiel solch einer Entfremdung eines Sonnenauf- oder Untergangs am Meer. Aus der Entfernung handelt es sich um ein ruhiges in verschiedene Flächen aufgeteiltes Werk, doch bei genauerer Betrachtung bemerkt man den aufwühlenden Charakter des Bildes, da sich, ähnlich einer Wasserspiegelung, eine Art Schleier über den einzelnen Elementen ausbreitet.
Die auf den ersten Blick abstrakt wirkenden Bilder, als weiteres Beispiel sei hier am:bach angeführt, entpuppen sich einerseits durch die Titel, andererseits durch die Vorstellung von einem sehr nahen oder einem weit entfernten Blickwinkel schlussendlich als gegenständliche Malerei.
Aufgrund Wingers Liebe zum Experiment tauchen neben den bereits erwähnten akribisch durchstrukturierten Werken immer wieder Arbeiten auf, die in einem schnellen, gefühlsbetonten Gestus gefertigt wurden. Das Werk guardianangel sei hierfür als Exempel genannt. Wingers künstlerisches Schaffen unterliegt jedoch immer einer ständigen Entwicklung bzw. einer stetigen Bewegung. Ein innerer Ausgleich wird allerdings angestrebt: Einem aufwühlenden Bild folgt ein ruhiges, bunte Farben werden durch dezente Töne eines anderen Werkes wieder entkräftet. Der Zweidimensionalität der Leinwand wird mit aufgeklebten Metall, Blattgold und Stoffstreifen, wie im Werk ohne:titel, wo ein feiner Gitterstoff über einen Zeitungsartikel von Nelson Mandela gelegt ist, oder mehreren übereinander liegenden Farbschichten entgegengewirkt. Zum Beispiel verstecken sich im Werk „rot:aufsteigend“ mehrere bunte Schichten hinter der jetzigen beruhigten Oberfläche. Nur am Rand des Werkes lässt sich noch etwas von den früheren Stimmungslagen der Künstlerin erahnen.
Lisa Winger setzt sich auch theoretisch mit ihrer Kunst auseinander wie die Serie Brief 1/2/3/4/5 bezeugt: Es handelt sich dabei um persönliche Briefe der Künstlerin adressiert an ihre Bilder, ihre geistigen Kinder, wobei im Zusammenspiel von Form, Farbe und Schrift die Texte für den Rezipienten nicht mehr lesbar sind und der „Sinn“ dieser Werke nun mit einer anderen Sichtweise neu erkundet werden muss.
Doch wenden wir uns nun genauer dem Hauptaugenmerk der Ausstellung Die Vier Jahreszeiten zu: In einem starken Kontrast von Hell und Dunkel leuchtet uns der Frühling mit klaren Formen und Farben entgegen. Monumentale Grashalme wachsen in einem frischen, kräftigen Grün und Gelb aus dem Bildrand hinaus in den Himmel und versinnbildlichen eine treibende positive Kraft oder das Leben an sich.
Anders als im Frühling erscheinen die Farben des Sommers weniger strahlend. Als würde der gesamte Werdegang des Sommers in einem Zeitpunkt festgehalten, beginnt das Bild links mit einem Streifen in kräftigem Rot, wechselt dann von einem dunkelgrünen Element in ein hellgrünes. Die Hitze des Sommers spiegelt sich im darauf folgenden matten Gelb wider, dass alle Farben zu beeinträchtigen scheint und das frische Grün des Frühlings im Sommer verdorren lässt. Die dunklen Partien vervollständigen den leicht verwischten Charakter des Bildes. Beendet wird die Komposition durch einen blassen dunkelgrünen Balken, der abgespalten von den anderen, rechts aus dem Bildträger hinausweist und so den Herbst einläutet.
Gelbliche bis rötliche Töne in geometrischen Strukturen präsentiert uns hingegen der Herbst. Die gezogenen Linien können als eine Art Grenze gelesen werden: Ein Abschnitt folgt dem nächsten, ein jeder in eine eigene Ästhetik getaucht mit verschwimmenden Übergängen. Entsprechend langsam verschwindenden bunten Blättern im Herbst, scheinen sich auch die Farben in einem Akt der Auflösung zu befinden, um kommender Kälte und Schnee Platz zu machen.
In seinem strukturellen Aufbau erweist sich der Winter als Pendant zum Sommer-Bildnis. Wiederum lesbar von links nach rechts, folgt eine in Brauntönen gehaltene vertikal angeordnete Farbfläche der nächsten. Die sofortige Assoziation mit Holzbrettern im Schnee wird durch die Maserung des dunkelsten Elementes und den blau-weißlichen Hintergrund noch verstärkt. Die Holzmaserung findet sich übrigens mit Ausnahme des Frühlings auf allen Jahreszeiten: Im Sommer im kleinen roten Bereich oben, im Herbst im bläulichen und orangen Sektor und im Winter im dunklen und gelben Element. Durch die kleine gelbliche Farbfläche erhält der Aufbau des Werkes eine Auflockerung und lässt den Winter nicht kalt und frostig sondern behaglich und wärmend erscheinen. Besonders im Winter-Bildnis ist genaues Hinsehen auf die Details gefragt: Im weißen Bereich sind übermalte aber noch durchscheinende Punkte sowie ein Schriftzug versteckt. Diese Detailfreude der Künstlerin erklärt vielleicht, warum Lisa Wingers Arbeiten uns immer wieder aufs Neue in ihren Bann ziehen und uns jedes Mal zu einem zweiten Blick auffordern.
Mag. Johanna Aufreiter, Kunsthistorikerin
Linz 6. März 2008
Die Verbindung von Kunst und Medizin
Am 6. März 2008 wird auf Initiative von Prim. Dr. Peter Waldenberger im Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz die Ausstellung „Aussicht“ (6.3 – 25.9.2008) eröffnet, die Werke der Wiener Künstlerin Lisa Winger präsentiert. Diese Vernissage ist der Auftakt einer Ausstellungsreihe, mit der das Institut für Radiologie den Gedanken verwirklichen möchte, in der Verbindung von Medizin und Kunst dem Patienten eine zusätzliche Form von Gesundung - Kunst als Medizin - anzubieten.
Das Hauptaugenmerk der Ausstellung liegt auf vier großformatigen Werken, welche die vier Jahreszeiten symbolisieren und speziell für die Räumlichkeiten des Krankenhauses konzipiert wurden. Wie Fenster bieten sie dem Betrachter eine Aussicht nach draußen in die Natur und holen die Farben der jeweiligen Saison in das Gebäude herein. Doch auch auf emotionaler Ebene bieten Wingers Arbeiten eine Aussicht auf eine positiv orientierte Zukunft und treten mit klaren Formen und Farben in Kommunikation mit dem Betrachter.
Das Ziel von Lisa Winger ist, beruhigende, tröstende Kunst für den Patienten zu schaffen, wobei sie sich als Künstlerin zurücknimmt und im Hintergrund verweilt. Der Rezipient ist schlussendlich aufgefordert, seinen eigenen Zugang zu ihren Werken zu finden, und diese in seiner hospitalen Umgebung neu zu erschließen.
Das Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz unterstützt Wingers motivierenden Ansatz und zeigt mit dieser Ausstellung deutlich, auch auf nicht-medizinischem Gebiet für die Patienten da zu sein.
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